Kolbászos-lecsós tarhonya

Im vergangenen Jahr entdeckte ich zufällig bei einem Streifzug durch ein tschechisches Kaufhaus eine Tüte Tarhonya oder auf Deutsch: „Eiergraupen“. Und wie der Zufall es wollte, standen nur wenige Tage später Tarhonya auf der Tageskarte vom Café Kavárna 18g in Marienbad. Es erschien mir eine Ewigkeit her, dass ich diese Teigwaren gegessen hatte.
Das war aber nicht in Tschechien, gegessen habe ich sie in Ungarn, wo sie wohl auch ursprünglich herstammen. Das Wort tarhonya ist osmanisch-türkischer Herkunft. Die Ungarn sollen die Kunst der Eiergraupenzubereitung von Türken übernommen haben, als diese das Land besetzten. Es gibt auch andere Theorien, aber ich will mal dieser Glauben schenken.
Tarhonya sind heute eine klassische Beilage und stehen auf der Speisekarte einer jeden ungarischen Familie. Ursprünglich waren sie ein Produkt der Puszta. Dort machten sich im Frühjahr und Herbst die Frauen an die Arbeit. Sie kneteten eine große Menge Eier und Mehl mit ein wenig Salzwasser zu einem recht festen Teig, drückten ihn durch ein spezielles großlöcheriges Sieb und breiteten die Teigkügelchen in der prallen Sonne zum Trocknen aus. Danach wurden die Eiergraupen in Leinensäckchen gefüllt und blieben so mehrere Monate haltbar. Heute machen sich nur noch wenige diese Arbeit. Dafür findet sich eine große Auswahl zum Kaufen im Angebot der Lebensmittelläden.
Die ungarischen Land- und Bauarbeiter nahmen die Eiergraupen mit zur Arbeit, um daraus ihr tägliches Mittagsmahl zu bereiten. Die Tarhonya wurden im Kessel gekocht und mit Zwiebel, Paprikapulver und Speck verfeinert. Vielleicht hat der ein oder andere noch Tomaten oder Paprika dazu gegeben. Ich habe sie auf jeden Fall reichhaltiger genossen. Das Rezept, das ich heute vorstelle, ist dem nachempfunden, das in der Bahnhofsgaststätte in Dombovar serviert wurde.
Dombóvár liegt im Südenwesten Ungarns und gehört zur „schwäbischen Türkei“. Ein seltsamer Name. Türkei, weil die Gegend gut 150 Jahre von Türken beherrscht wurde. Schwäbisch, weil Maria Theresia das verwüstete Land ab 1687 besiedeln und kultivieren ließ – hauptsächlich von süddeutschen Weinbauern, deren Nachfahren oft noch Deutsch sprechen. Es ist die größte deutschsprachige Sprachinsel im heutigen Ungarn.
Dombovar hat einen großen Bahnhof und eine Bahnhofsgaststätte mit Blick auf die Bahnsteige. In seiner langen Geschichte hielt hier der Simplon-Orient-Expres auf der Teilstrecke Mailand – Budpest – Bukarest. In den 90er Jahren fuhren hier noch Dampflokomotiven und Triebwagen aus allerlei Richtungen.

Es war ein illustres Bild, wenn am frühen Morgen die Landfrauen mit großen gefüllten Körben ankamen, um ihre Waren auf dem Markt in der Stadt feilzubieten. In dieser Bahnhofsgaststätte saß ich oft, um dem Treiben zuzuschauen und ein Gabelfrühstück einzunehmen. Das war auch zur Freude meiner Söhne, denn auf einem Seitengleis stand eine riesige Dampflok, die zum Spielen für die Kinder hergerichtet war.

Die Bahnhofsgaststätte bot verschiede einfache Gerichte an von denen ich mich aber nur an zwei erinnere: Babgulyás – ein Bohnengulasch (koche ich einmal im Herbst) und Kolbászos-lecsós tarhonya – Tarhonya mit Wurst und Lecsó.
Nun habe ich bisher kein Wort über die zweite wichtige Zutat geschrieben: das Lecsó. Letscho (deutsche Schreibweise) enthält die drei Zutaten, die man in jedem ungarischen Garten findet: gelbe Spitzpaprika, Tomaten und Zwiebeln. Das heißt aber nicht, dass es bei diesen Zutaten bleiben muss. Im Prinzip ist es ein einfaches Gemüseschmorgericht, das man sowohl im Ofen, als auch im Kessel zubereiten kann. Wir haben es in Ungarn oft am Abend im Kessel zubereitet und am offenen Feuer mit einem Stück Brot gegessen.
Lecsó ist nicht nur in Ungarn, sondern auch in der ehemaligen DDR beliebt. Das Letscho aus der Dose war in der DDR oft Basis für eine Soljanka. In Polen kennt man einen Gemüseeintopf, der eng mit dem ungarischen Lecsó verwandt ist und Paprika, scharfe Zwiebeln und geräucherte Kielbasa, sowie eine reichhaltigen Tomatensoße enthält. Diese Variante schreibt sich Leczo und wird in der Regel mit Reis oder frischen Brot serviert. Ein sättigendes Mittag- oder Abendessen.

Hier das Rezept für Tarhonya mit Wurst und Lecsó:
Zutaten:
250 g Tarhonya, 250 g geräucherte Wurst (oder Speckwürfel), 1 l Hühnerbrühe oder Wasser, Petersilie, Salz und Pfeffer
Für das Lecsó einen Löffel Schmalz, 150 g Zwiebeln, 2 bis 3 Knoblauchzehen, 250 g rote Spitzpaprika, 250 g Tomaten, 1 TL geräuchertes Paprikapulver, 1/2 TL gemahlener Kreuzkümmel, Salz und Pfeffer
Zubereitung:
Für das Lecsó die geschnittenen Zwiebeln, den Knoblauch und die Paprika in Fett bei starker Hitze anbraten. Anschließend die geschnittenen Tomaten, die Gewürze, Salz und Pfeffer hinzufügen und kochen, bis das Gemüse weich und gar ist. Bei Bedarf etwas Wasser hinzufügen.
Die Wurst in Ringe schneiden, im ausgelassenen Fett anbraten, dann mit einem Schaumlöffel herausnehmen und beiseitestellen. Die Tarhonya im ausgelassenen Wurstfett goldbraun braten, danach mit Brühe oder Wasser angießen. Die Wurst wieder auf die Tarhonya legen, mit Salz und Pfeffer würzen und bei mittlerer Hitze unter gelegentlichem Rühren garen, bis die Teigkügelchen weich sind. Sollte es zu trocken werden, falls nötig etwas Wasser oder Brühe hinzufügen. Den vorbereiteten Lecsó dazugeben, die gehackte Petersilie unterrühren und abschmecken.



